Halt die Klappe, Feierabend!

Das ist doch wieder typisch. Ich sitze allein am Tresen und starre erwartungslos in mein halbleeres Bierglas. Eigentlich wollte ich reden, doch der Typ hinterm Tresen –  muss der Chef sein, so geschäftig wie der tut – , hat auch keinen Bock. Wer will es ihm verdenken, an einem solch tristen Montagabend. Kein Wort kriegste aus dem raus. Nur als ich eine kleines Bier bestellen wollte, meinte er: „Ein Großes ist besser für dich! Ist im Angebot, weil heute Montag! Also, was jetzt?“

Ich habe es genommen – das große Bier. Warum auch nicht? Sinniert habe ich beim Trinken und irgendwann auch nachgedacht. Über das Leben und das Nichtleben eben.
Heute ist „Schildkröte“ gestorben. Ihr wisst schon, der Typ von der Kreissäge im Baumarkt, der mit dem Spruch: „Haalt die Klappe, ich hab` Feierabend!“, der scheinbar sinnfrei und doch mit einer wichtigen Lebensaufgabe betraut, jeden Abend in Ingos Imbiss hockte, um Dittsches Lebensweisheiten zu lauschen. Armer Kerl.
Trauer befällt mich bei den Gedanken an „Schildi“ und noch mehr Trauer, wenn ich an mein eigenes verkorkstes Leben denke. Habe ich überhaupt einen Auftrag? Seitdem Sibylle mit den Kindern abgehauen ist, kann das sogenannte Leben mir mal den Buckel runter rutschen. Klappt nicht mehr so richtig mit der Alltagsbewältigung. Allein die Vorstellung nach Hause zu kommen, in die kleine Wohnung, die so wenig zu mir passt und in der nur das Fernsehbild etwas Farbe an die Wände bringt, lässt mich unmerklich erschauern.
Ich müsste wieder mal aufräumen, denke ich, während ich zusehe, wie der restliche Schaum in meinem Glas kleine Bierwölkchen bildet. Mit etwas Phantasie könnte ich aus den miteinander verschmelzenden Gebilden meine Zukunft lesen. Früher habe ich das oft gemacht. Auf einer Sommerwiese liegend, haben Sibylle und ich in den Himmel auf die dahinziehenden Wolken gestarrt. Wir haben imaginäre Raumschiffe gesehen und immergrüne Inseln. Wir sind gemeinsam durch das Universum gereist …
Jetzt macht das keinen Sinn mehr, und die Phantasie ist mir auch abhanden gekommen.
Ruckhaft trinke ich mein Glas aus. Ich höre wie Schildkröte neben mir (Oder bin ich es selbst?) ruft:  „Noch einen Halben, Chef!“
Ein kalter Luftzug lässt erahnen, dass gleich die Tür aufgeht und noch andere einsame Menschen die Hocker links und rechts von mir besetzen. Ich blicke kurz auf, als K. mir mit eine alte Ausgabe der „Zeitung von der Straße“ unter die Nase hält und irgendwas von Zweifuffzig nuschelt.
Heute nicht, bitte. Ich hab schon genug Last zu tragen: Schildkröte ist tot und ich auch bald, wenn das so weitergeht.
Im Radio läuft gerade Peter Fox. In seinem Haus am See lässt er 100 Kinder auf dem Rasen Cricket spielen. Warum ausgerechnet Cricket? Schöne, heile Welt, zu der ich nicht mehr gehöre.
Alle um mich herum sagen immer: „Wird schon, Carlo, wird schon. Musst nur machen, Carlo.“
Gefasel. Oder doch nicht?
Wie war das mit den inneren Entscheidungen und dem Glauben an mich selbst nochmal? Muss ich erst erkennen, wer ich bin, bevor ich wieder anfangen kann zu leben. Oder war das umgedreht? Muss ich erst leben, um zu erkennen wer ich bin? Scheiße, Leute, das Leben ist mir zu kompliziert. Kriege ich jetzt nicht mehr zusammen. Morgen vielleicht, wenn die anderen im Laden sind. Die Schlauen, die wissen wie es funktioniert. 

Dienstag, 18 Uhr bin ich wieder da. Dann will ich Antworten.
Ihr auch?

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