Bella Italia

Während der Norden in diesen Tagen sonnenverwöhnt für gute Laune sorgt, muss ich mich während meines Trainingsaufenthaltes im schönen Trentino mit allerlei Widrigkeiten und noch mehr topografischen Höchstschwierigkeiten auseinandersetzen.


Um das Pferd mal beim Schwanz aufzuzäumen: Meine 1. Ausfahrt begann mit einer nichtfunktionierenden Schaltung am Rad, führte durch ein furchteinflößendes, sehr verkehrsreiches Tunnelsystem an der Nordwestseite des Gardasees (ab Riva del Garda) und trieb mich schließlich rechts ab von der Straße in einen Berg, der sich mir gleich hinter der ersten Kurve als senkrechte Wand entgegenstellte.
Auf dem kleinsten Gang pumpte ich mit drei Schlägen über Maximalpuls und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7 km/h die nicht enden wollenden Kehren von weit über 10 % (meist zwischen 13% und 16%) Steigung hinauf. Die Fragen nach dem Sinn des Ganzen wichen nach kurzer Zeit, weil ich jedes Joule Energie in die Bewältigung meiner Aufgabe stecken musste. Fokussierung nennt man das wohl in seiner Verniedlichungsform – als Ergebnis von ausgehaltenen physischen und psychischen Schmerzen im Verhältnis zu irgendeinem verschwommenen  Quadrat.
Eine Aussichtsplattform hat mich schließlich gerettet. Mit letzter Kraft hob ich mühevoll erst das Vorderrad und dann den Rest meines Körpers auf die rote Fläche, um dann keuchend auf das biologische Ableben zu warten.
Natürlich kam es so wie es in solchen Momenten immer kommt. Die Erlösung präsentierte sich folgendermaßen: Der Puls beruhigte sich und das Rattern in den Bronchien ging geschmeidig in ein leichtes Vibrieren über. Als der Blick wieder klarer wurde, richtete er sich unmerklich und fast wie von selbst zurück auf das asphaltierte Ungeheuer in Form von Straße mit Fels.
Die Maschine Mensch, in dem speziellen Fall die meine, funktionierte und marschierte klaglos hinauf zum Gipfel.
Belohnt wurde ich für mein heldenhaftes Tun mit einem großartigen „Auf und Ab“ über kleine Sträßchen und durch idyllische Bergdörfer.
Dass ich irgendwann bei der Abfahrt in einem stockfinsteren Tunnel angstvoll nach meiner Handytaschenlampe kramte und am verschleierten See angekommen ein Regenguss sein eintöniges Lied auf meinen Helm trommelte, soll an dieser Stelle nur eine Randnotiz bleiben.
Radsport ist wunderschön, wie mir am Abend bei einer köstlichen Pizza im Zentrum von Riva del Garda klar wurde. Beim Austausch unzähligen Radanekdoten haben sich die Helden der Landstraße gegenseitig befeuert und ich habe jeden Zentimeter schmerzender Muskeln genossen.
Moregn wieder.
Die neuen Strecken sind geplant. Heute sollen es weit über 100 km und knapp 1500 hm werden. Ich freue mich schon riesig auf das nächste Abenteuer, auch wenn sich mir zwischendurch die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufdrängen wird.
Aber es gibt eben diese magischen Augenblicke.

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