Die Hatz

Rennradfahrer sind eine eingeschworene Gemeinschaft, ein Geheimbund, deren Mitglieder leicht zu erkennen an ihrer bunten Kleidung, gemeinsame Ziele verfolgen. Die „gemeinen“ Rennradfahrer grüßen, wenn sie sich auf verschiedenen Straßenseiten entgegenkommen höflich mit einem Kopfnicken oder dem leichten Heben der linken Hand.
Ganz anders verhält es sich, wenn sich die Spezi auf der gleichen Fahrbahnseite befindet und  gegenseitig überholt. Die Chance gegrüßt zu werden steht in diesem Fall bei fifty fifty.
Gestern trug sich Folgendes zu: Wir starteten gegen 9.30 Uhr in Riva del Garda und rollten locker in Richtung Torbole, um im Anschluss die Westseite des Lakes zu erkunden. Irgendwann bogen wir links in die Berge ab, um, wieder zurück auf der Küstenstraße, ein paar Höhenmeter für die abendliche Auswertung registrieren zu können. Nach 50 km eine Espressomacciato-Pause im beschaulichen Tori del Benaco.
Bei Sonnenschein – wie wunderbar. Endlich. Der Regen und das trübe Licht der letzten Tage hat zwar die Psyche trainiert, passte aber nicht so recht zur Vorstellung eines gelungenen Gardasee-Aufenthaltes.
Auf der Rückfahrt passierte es dann. Wir kurbelten beflügelt mit knapp 30 über die Piste (GA1 war ausdrücklich angesagt), als uns ein knorriger Italiener breitbeinig fahrend im rasanten Tempo grußlos überholte. „Müssen wir reagieren?“, fragte mein Bruder und trat kurz an. „Nö“, meinte ich, „GA1, denk d`ran. Disziplin!“.
Das blaue Trikot gewann immer mehr an Vorsprung, bevor es in der nächsten Kurve ganz aus dem Blickfeld entschwand. Nicht aber aus dem Sinn.
Und so kam es wie es kommen musste. Wir erhöhten unausgesprochen das Tempo, wechselten uns dabei immer schön in der Führungsposition ab. Wir dachten wohl das gleiche: Blödmann, warum hast du nicht gegrüßt? Das hast du nun davon.
In der Ferne plötzlich unser blauer Italiener. Jetzt gab es kein Halten mehr. Ich fuhr aus der Spitze nach links und gab dem starken Roller hinter mir einen Wink. Ein kurzer Blick, ein kurzes Nicken. Die Jagd begann und endete erst, als wir am Hinterrad unseres „Feindes“ klebten. Der war ganz verdutzt und beschleunigte augenblicklich.
Das Tempo zog an. Wir blieben dran.
Er ging in einer leichten Steigung aus dem Sattel. Wir blieben dran.
Nicht vorbei. Das Leid ist viel größer, wenn man jagt und nicht selbst gejagt wird. Wer kennt das nicht?
Ich schaute auf meinen Tacho. Noch 7 km bis zum Abzweig, der uns zurück über den Berg führen sollte.
Kurbeln, kurbeln, kurbeln. Der Azuri begab sich wieder in den Wiegetritt, machte Dampf. Er war stark, mussten wir anerkennen. Mein Puls stieg auf Max. Ich keuchte und schwitzte. Ich kurbelte. 10m Rückstand. Schalten, beißen, ranfahren.
Radsport in seiner Reinkultur: Wettkampfmodus.
Endlich am Ziel.
Was bleibt ist dieses wunderbare Erlebnis und eine Geschichte für die Ewigkeit.
Und die Frage, ob wir ihn nicht auch gejagt hätten, wenn er gegrüßt hätte?

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