Abschied

Ich guckte nicht schlecht, als es heute Morgen an meiner Tür klingelte und Ralle mit einem alten Bianchi-Rennrad davor stand.
„Lust auf eine Tour?“, sagte er lächelnd.
„Ich dachte, du …“, stotterte ich völlig perplex.
Gestern lag der Typ noch im Koma, jetzt will er plötzlich Rad fahren.
„Willst du etwa in diesem Aufzug los?“, fragte ich ihn.
Ralle sah nicht aus wie einer, der eine lange Strecke auf dem Rennrad fahren kann. In seinem langen Mantel, dem bunten Hemd, der Jeans und den braunen Slippern, könnte man meinen, er wäre zu einem festlichen Brunch verabredet.
„Mach hin, die Zeit läuft“, rief er und schwang sich lässig in den Sattel. Kopfschüttelnd folgte ich eilig, und merkte schnell, dass es heute eine ganz schwere Ausfahrt werden würde.
Ralles Tritt sah rund aus, unbeschwert und leichtfüßig. Fast schwerelos glitt er über den laubbedeckten Asphalt. Der wehende Mantel schien ihn gar nicht zu stören. Ich dagegen hatte Mühe  dem hohen Tempo zu folgen –  immer noch fassungslos  über die wundersame Begegnung.
Von rechts kommend, querte ein Auto unseren Weg. Ralle fuhr unbeeindruckt weiter, ja fast durch den Wagen hindurch, während ich fluchend und mit der Faust drohend, gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte.
Als ich mühsam die Führung übernahm, sah ich Ralle lächelnd eine Zigarre aus dem Ärmel zaubern. Er zündete sie sich freihändig fahrend an und bließ den Rauch genüsslich in meine Richtung. „Du willst doch jetzt nicht qualmen?“, stammelte ich dümmlich hustend und beugte mich weit über den Lenker, um einer heftigen Windböe auszuweichen. Mein Tacho zeigte 31 km/h an.
„Wann dann?“, bekam ich zur Antwort. „Wer weiß, wann wieder so eine gute Gelegenheit kommt. Auch einen Schluck Bier?“
Ich schüttelte den Kopf. Ralle atmete tief durch und nahm eine Flasche Becks aus seinem Trinkflaschenhalter. Wo er die herhatte, kann ich nicht sagen. Ich hätte schwören können, dass sie beim Start unserer Tour noch nicht im Rahmen seines Renners steckte.
„Da vorn muss ich übrigens nach rechts“, meinte er plötzlich, nachdem wir mehrere Minuten schweigsam nebeneinander fuhren, in denen wir uns  auf eine ganz besondere Art sehr nah waren.
„Pass gut auf dich auf“, rief er noch und beschleunigte sein Rad unglaublich schnell kurz nach der Abbiegung.
„Ich wünsche dir eine gute Reise“, sagte ich mehr zu mir selbst und sah ihm staunend hinterher.
Ralle winkte aus der Ferne und verschwand im gleißenden Licht.

Ich war allein und das Treten der Pedale fiel mir schwer. Der Kloß in meinen Hals ließ mich nur mühsam atmen und die Tränen auf meine Wangen schmeckten salzig. Sie vermischten sich mit dem kalten Regen, der durch meine Jacke drang. Ich fror und wühlte mich mit schmerzenden Beinen durch den Wind. Aber ich war trotzdem dankbar, spürte ich doch meinen Körper und konnte beobachten, dass das Leben in der schaurig grauen Novemberluft unbeeindruckt  weiter ging.
Ein paar Enten schwammen scheinbar ziellos auf der zu einem See überfluteten Wiese neben der Straße. Ich grüßte ein paar Hundebesitzer, die irritiert zurückgrüßten, während sie hektisch versuchten, ihren Hunden Disziplin beizubringen. Dass wilde Hupen eines Porsche-Fahrers, der offensichtlich der Eigentümer der kleinen Einbahnstraße war, auf der ich mich gerade mittig befand, überhörte ich geflissentlich. Es war mir heute nicht wichtig, mit ihm zu streiten.
Wie wird es Ralle auf seiner Reise ergehen. Werden wir uns irgendwann wiedersehen, wenn es tatsächlich stimmt, dass hinter dem Horizont ein neuer Tag beginnt?
Ich bin im Laden und schaue zu den Lüftungsrohren an der Decke. Ralle, die hast du eingebaut.
Ich danke dir, und nicht nur dafür.
Du wirst unvergessen bleiben, und wenn du irgendwann gedenkst, mal wieder einfach so in der Tür zu stehen, stelle ich DIR ein Becks auf DEINEN Platz. Der wird immer für dich freigehalten. Versprochen. Und ich werde kein Stückchen überrascht sein. Auch versprochen Dieses Leben ist so wundersam.

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