Eins mit der Natur

Als die struppigen Hofhunde sich kläffend auf mich stürzten, schnellte mein Puls unwillkürlich in den roten Bereich. Angstvoll die Köter beschimpfend, trat ich vehement in die Pedale, nur angetrieben von dem Willen, mein Leben nicht auf einem schlammigen Seitenpfad zwischen Trapani und Palermo auszuhauchen zu müssen. Als der hatte sich die Straße nämlich entpuppt, die ich mir zuvor auf der Karte rot angemakert hatte, um dem sizilianischen Autoverkehr für eine Weile zu entkommen.
Also bog ich irgendwann, planmäßig und mich zu meiner klugen Entscheidung beglückwünschend, nach rechts ab.
Sanft stieg die Straße mit 6% an, um mir später, im steilsten Stück des Anstieges plötzlich komplett auszugehen. Die Natur hatte erbarmungslos zugeschlagen und sich einen Teil des vom Menschen zerstörten Universums zurückgeholt.
Vorsichtig holperte ich mit meinem geliehenen Giant TCR von Loch zu Loch, wich Pfützen aus und umkurvte tiefe Rillen. In der Abfahrt später schmerzten mir die Hände vom Bremsen sowie die Augen vom konzentrierten Abtasten des unwegsamen Geländes. Weit und breit war kein lebendes Wesen zu sehen.
Dabei hatte mich Antonino, der Fahrradverleiher, noch gewarnt: niemals von den Hauptstraßen abweichen! „Mud,water,dirty roads“, versuchte er mit Hilfe des Google-Übersetzters meine mangelnden Italienischkenntnisse zu umschiffen.
Genau das fiel mir wieder ein, als die Hunde endlich von mir abließen und ich schweratmend auf das nächste Hindernis zurollte. Eine riesige Pfütze tat sich vor mir auf, die links und rechts nahtlos in umgepflügte Felder überging. Fluchend sprang ich vom Rad und kämpfte mich durch den Schlamm. Meine Beine wurden dabei immer schwerer und das TCR ließ sich nicht mehr schieben. Ein klebriger Brei hatte sich zwischen Bremse, Gabel und Laufrad gesetzt und den Flitzer unbrauchbar gemacht. Ich schulterte  das Teilentschlossen und watete weiter.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich wieder im Sattel saß. Die Schuhe und die Laufräder vom Schlamm zu befreien, war ohne Werkzeug keine so einfache Sache. Dazu der heftige Wind, der mit Orkanstärke an Mensch und Maschine rüttelte.
Ich genoss es dann regelrecht, im kleinsten Gang die dreiprozentige Steigung bis zur Hauptstraße hochzukurbeln – den Wind voll im Gesicht. Immerhin konnte ich mich noch bewegen und lag nicht halb zerfleischt mit Atemstillstand in einem blutverschmierten Wasserloch.
Der Lohn für meine Mühen wartete hinter einer Neunziggradkehre. Mit Tempo 70 raste ich die Straße hinunter, den Asphalt kaum berührend. Die Sonne schien und der Wind im Rücken schmeichelte meinem wiedergewonnenesn Sportlerego im höchsten Maße.
Und ich dachte in diesem Moment der Schwerelosigkeit nur noch daran, wie geil es doch ist, Rennradfahrer zu sein!

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