Sechs Minuten

Was für eine Stimmung im wieder vollen Horizont! Werder Bremen spielt in Berlin, als hätte es nie eine Krise gegeben. Sergeant umtrippelt am Strafraum zwei Gegenspieler und hämmert den Ball rechts unten ins Tor, Rashica flankt sensationell von der linken Außenseite und Klaasen köpft unhaltbar ein. Die Hütte bebt, die Fans rasen wie von Sinnen, das Bier fließt in Strömen, die Tonanlage röchelt vor Staunen. Werder führt 2:0! Was für ein Fest? Werder Bremen ist plötzlich wieder wer!
Das Ganze spielte sich innerhalb von sechs Spielminuten ab, sechs Spielminuten voller Hoffnung und voller Sehnsüchte. Es wurde der mögliche Klassenerhalt beschworen und es wurden Vergleiche mit Werderwundern aus der Vergangenheit gezogen. Die Menschen richteten sich wieder auf und tippten stolz auf die verblichene Raute ihrer Alttrikots. Sechs Minuten bis zur Ewigkeit, sechs wunderbare Minuten, die uns eine lange armselige Saison mit einem Schlag vergessen ließen – eben für sechs Minuten lang.
Ach wie schön wäre es, könnte ich an dieser Stelle die Zeit anhalten, den Stift zur Seite legen und mich, die Arme hinter dem Kopf verschränkend, grünweißen Träumerein hingeben.
Aber da war noch etwas, nämlich diese jämmerlichen vierundachtzig Minuten plus, die gnadenlos realistisch aufzeigten, wie es wirklich im Leben zugeht.
Werder bescherte mir gestern ein Deja-vu zur Ziehung der Lottozahlen: Die ersten beiden gezogenen Nummern sind richtig und dann … nur noch Nieten!
Der Unterschied: Werder ist die Oberniete ist und nach einem solchen Auftritt ganz sicher ein Absteiger ohne Mumm.

 

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